Projekt Armut 2014-2015

Das Projekt Armut setzt sich aus 2 Werkreihen zusammen:


Werk-reihe: Obdachlos


Ich habe mich in den vergangenen Monaten sehr intensiv mit dem Thema der Obdachlosigkeit auseinander gesetzt, viele Menschen kennengelernt, die auf der Straße leben und folglich 7 realistische Figuren von Obdachlosen entworfen, die die jeweiligen Problematiken, wie unter Anderem die Alkohol-und Drogensucht, die Schutzlosigkeit bei Kälte und Witterung, sowie die miese Masche der Bettelmafia verdeutlichen.

Kälte

Neben der fehlenden Privatsphäre haben Obdachlose auch keinen Schutz vor Schnee und Kälte. Durchnässt und durchgefroren liegen sie oft auf Parkbänken, unter Brücken und auf kalten Bürgersteigen. Allein in Deutschland sterben jährlich ca. 15 Obdachlose durch Erfrieren, obwohl die meisten Städte Notunterkünfte bereitstellen, wenn es draußen kälter als 4 °C ist. Die Plastik, die ich zu dieser Thematik angefertigt habe, löst bei dem Betrachter regelrecht einen Kälteschauer aus.

Zu sehen ist ein obdachloser Mann, der schlafend auf einer alten Matratze liegt. Er ist mit feinem Schnee bedeckt, seine Körperhaltung ist angespannt. Es ist offensichtlich, dass die dünne Decke ihn nicht ausreichend wärmt. Seine Lippen sind leicht blau, sein Gesicht bleich. Man ist sich nicht sicher, ob er überhaupt noch lebt. Es ist eine traurige Wahrheit, und dennoch können soziale Einrichtungen nicht mehr tun, als den Obdachlosen die Türen zu öffnen. Ob sie dieses Angebot nutzen, liegt einzig und allein bei ihnen.

Alkohol-und Drogensucht

Die Alkohol – und Drogensucht ist ein schwerwiegendes Problem. In vielen Fällen hindert sie die Obdachlosen daran, in ein geregeltes Leben zurück zu finden. Im Alkoholkonsum finden sie eine Art Sicherheit, ein Abschalten – und sich aus der Realität entfernen können. Die eigentliche Problematik entsteht allerdings in der psychischen und physischen Abhängigkeit, sowie der negativen Begleiterscheinungen, die durch dauerhaften Konsum hervorgerufen werden.

Statistisch gesehen sind 91% der Obdachlosen Männer alkoholkrank und 57 % drogensüchtig. Die beliebteste Droge unter den Obdachlosen ist Heroin. Die Droge führt zur körperlichen und seelischen Abhängigkeit und wirkt sich stark auf das Bewusstsein aus. Mir ist aufgefallen, dass ein recht großer Teil der obdachlosen Männer teilnahmslos und apathisch auf der Straße sitzt und vor sich hinvegetiert. Für Viele ist der regelmäßige Drogenkonsum ein Lichtblick in dem Tag-täglichen Elend. Auf mich haben die Obdachlosen in diesem Zustand einen beinahe abschreckenden Eindruck gemacht. Man schaut einer Person in die Augen und sieht vollkommende Leere – traurige Leere, Teilnahmslosigkeit, Missmut. Den Eindruck, den ich von diesen Menschen bekommen habe, habe ich in Form einer Plastik festgehalten und folglich diese ca.100cm Figur eines obdachlosen Mannes gestaltet, der an einem Straßenschild lehnend auf der Straße sitzt.

Seine schweren Augen berichten über seinen Zustand. Sein Blick ist leer, er wirkt traurig, missmutig, vom Leben gezeichnet. Egal wie man ihn anschaut, man kann seinen Blick nicht einfangen – Er starrt ins Nichts. Neben ihm liegt eine Heroinspritze, in der Hand hält er eine Flasche hochprozentigen Alkohol.

Die Straßennamen weisen auf die Kreuzung hin, an der er sitzt. O'Farrell Street & Hyde Street. Das wohl mit Abstand gefährlichste Viertel in der Stadt San Francisco – Das „Tenderloin-District“ – Die Hochburg illegaler Drogengeschäfte und Schlafplatz der vielen Tausend Obdachlosen.

Die Bettel-Mafia

Besonders in Großstädten sitzen oft rumänische Frauen, betend, bettelnd oder auch flehend auf der Straße. Man sieht sie beinahe täglich. Was allerdings die Wenigsten wissen: Diese älteren Frauen werden aus Ländern wie Rumänien oder Tschechien entführt - und zwar von der sogenannten "Bettel-Mafia". Die Köpfe der Maffia sind brutale, skrupellose Typen, die den Frauen drohen ihre Familien umzubringen, wenn sie nicht für sie arbeiten. Oft werden die Frauen aus der Ferne beobachtet. Sollten sie den Job nicht ordentlich machen, bzw. nicht genügend Mitleid bei Passanten erregen, werden sie bestraft. Es ist eine traurige Wahrheit, die sich auf Deutschlands Straßen abspielt - und uns "Normalbürgern" bleiben die Hintergründe verborgen

Ich habe diesem Bild entsprechend eine alte, rumänische Frau modelliert, die auf einem gepflasterten Marktplatz sitzt. Sie kniet auf der Straße, ihre Haltung ist unsicher, ihre Hände formen eine Schale. Der Gesichtsausdruck ist traurig und freundlich zugleich. Mitleidserregend, sogar ein wenig vertraut. In ihren Augen ist vor allem Leid zu sehen, und sogar ein wenig Furcht. Neben ihr liegt ein Wanderstock. Er weist darauf hin, dass die Frau Gehbeschwerden hat, was wiederum beim Passanten Mitleid erregt. In Deutschland ist die Problematik noch nicht ganz so schlimm. In Ländern wie der Türkei, Griechenland oder Spanien sitzen diese Frauen oft auch mit amputierten Gliedmaßen auf der Straße und betteln. Eine sehr beliebte Methode ist es auch, ihnen ein Kleinkind in die Arme zu legen. Die Polizei in Deutschland ist sehr bemüht diese Problematik in den Griff zu kriegen, doch leider sind den Beamten in vielen Fällen die Hände gebunden, sobald es über die Landes-Grenze hinaus geht. Sie können nur auf deutschem Boden handeln und die Kooperation mit Ländern wie Rumänien, Polen und Tschechien ist sehr schwierig!

 

Schicksal

The Story of Mike

Während ich 2010/2011 in San Francisco gewohnt habe, bin ich hin und wieder mal mit meinem erblindeten, hilfsbedürftigen Nachbarn Bill zur Tafel gegangen. Dort habe ich Mike kennengelernt. Auf Mike bin ich aufmerksam geworden, weil ihm das linke Bein fehlte und er unbeholfen mit seiner Gehhilfe durch den Speisesaal hinkte. Ungewöhnlich für einen Obdachlosen erschien mir seine Kleidung. Er trug einen teuren Anzug, der allerdings von oben bis unten löchrig und verdreckt war. Ich bin mit ihm ins Gespräch gekommen und er berichtete mir von seinem Schicksal.

Mike war einst Bänker bei der Citi-Bank in einer kleineren Stadt im Süden Kaliforniens. Er war wohlhabend, hatte ein Haus, zwei Autos, einen Pool im Garten und lebte mit seiner Frau und zwei Kindern ein glückliches Leben. Durch eine Finanzkrise hat er vor einigen Jahren ziemlich plötzlich und unerwartet seinen Job verloren. Er hatte zwar einige Rücklagen, diese waren aber nach ca. einem Jahr aufgebraucht, vor Allem, weil weder er, noch seine Frau ihren Lebensstandard an die neue, knappe finanzielle Lage anpassen wollten. Dinge wie Autos, Fernseher und Haus waren zudem, wie es in Amerika üblich ist, noch nicht abbezahlt und wurden daher nach einigen Monaten gepfändet. Zur Krönung der Miesere hat Mike dann auch noch eine heftige Entzündung im Bein bekommen, die sehr schmerzhaft war und ihn körperlich außer Gefecht gesetzt hat. Ungünstig war vor allem, dass er keine Krankenversicherung mehr hatte, da diese bisher über seinen Job lief. Da er bereits seine Ersparnisse ausgegeben hatte und Arztbesuche in Amerika sehr teuer sind, verzichtete er auf einen Arztbesuch. Die unbehandelte Entzündung in seinem Bein wurde immer schlimmer. Seine Frau konnte mit der Situation nicht umgehen und hat ihn kurze Zeit später verlassen. Die Kinder nahm sie mit. Aus Scham und vor lauter Verzweiflung hat Mike sich von seinen Freunden und seiner Familie distanziert und ist nach San Francisco getrampt. Dort hat sich ein Obdachlosen-Arzt um ihn gekümmert, die Entzündung im Bein war allerdings so weit fortgeschritten, dass man nichts mehr machen konnte, außer es zu amputieren.

Seit her sitzt Mike auf der Straße, seinen Anzug trägt er noch heute aus Stolz und Erinnerung an sein einst schönes Leben. Ich habe über einige Ecken und Kanten die Möglichkeit bekommen, 3 Jahre nach dem ich Mike kennengelernt habe, mit ihm zu telefonierten. Er sagt von sich aus, dass er auf ein Wunder wartet und Gott ihn sicherlich bald aus der Lage rausholen wird. Ich selbst war ein wenig über diese doch recht naive Einstellung verwundert. Mike ist in meinen Augen ein recht gebildeter Mensch. Er drückt sich sehr gewählt aus und ist im Vergleich zu den anderen Obdachlosen sehr klar im Kopf, da er weder trinkt, noch Drogen nimmt.

Die Begegnung mit ihm war eine ganz Besondere, seine Geschichte hat mich sehr berührt und ich finde es bewundernswert, dass er sich noch nicht aufgegeben hat.

Dennoch hat Mike auf mich einen sehr traurigen Eindruck gemacht. Er hatte immer wieder Tränen in den Augen, war sehr nachdenklich und sichtlich bedrückt.

Das Bild was ich von ihm hatte, habe ich in einer Plastik, die ich von ihm und seiner Geschichte angefertigt habe, festgehalten.

Auf der Suche nach Nahrung

in Obdachloser wühlt im Müll nach etwas Essbarem – Ein Bild, dem man selbst in Deutschland immer wieder begegnet. So gesehen muss hier zu Lande zwar Niemand hungern und sich im Müll Lebensmittel zusammen suchen, aber viele Menschen wissen nicht, wie sie an die nötigen Mittel heran kommen, oder können ihre Scham nicht überwinden, diese zu beantragen. Daher ist es wichtig, diese Menschen nicht zu ignorieren, sondern ihnen entgegen zu kommen, sie aufzuklären, ihnen zu helfen.

In anderen Ländern wie zum Beispiel den USA sind Einrichtungen und Tafeln für arme und hungernde Menschen keine Selbstverständlichkeit.
Während meiner Studienzeit in San Francisco konnte ich erleben, wie die Besitzerin eines kleinen Restaurants mit einer rührenden Geste viele Menschen, die an ihrem Restaurant vorbei gingen, berührt hat. Sie hatte bemerkt, dass Jemand hinter ihrem Café die Mülltonnen regelmäßig nach Lebensmitteln durchsuchte. Ohne zu zögern schrieb die Frau einen Brief an die unbekannte Person und hängte diesen in die Fensterscheibe ihres Ladens:

„An die Person, die unseren Müll nach Essbarem durchsucht“

Du bist ein Mensch und hast mehr verdient, als ein Essen aus der Mülltonne. Bitte kommen Sie während der Öffnungszeit für ein klassisches PB&J ( Erdnussbutter-Marmeladen-Sandwich), frisches Gemüse und eine Tasse Kaffee zu uns, das alles ist kostenlos. Es werden keine Fragen gestellt.

Deine Freundin, die Besitzerin.

Der Mann kam von diesem Tag an, jeden Morgen zu ihr ins Restaurant, setzte sich an die Theke und bekam das versprochene Frühstück. Nach ein paar Tagen konnte ich beobachten, dass der Mann seinen Freund mitbrachte. Auch er bekam eine kostenlose Mahlzeit. Ob die beiden heute immer noch dort ein und aus gehen, weiß ich leider nicht. Die Geste der Besitzerin hat aber eine Tiefe Spur in mir hinterlassen und mir vor allen Dingen verdeutlicht, dass der Überfluss an Lebensmitteln, wie wir ihn kennen, nicht unbedingt selbstverständlich ist. 

Schutzlos

Nach einem hektischen Tag abends nach hause kommen, heiß duschen, die Füße hochlegen und sich ein wenig ausruhen, TV schauen, etwas leckeres Essen und genießen – all das, was für uns selbstverständlich ist, ist für einen Obdachlosen kaum vorstellbar. Etwas wie Privatsphäre gibt es nicht. Schutzlos der Umgebung ausgeliefert sein, ohne die Möglichkeit zu haben, sich mal zurückzuziehen oder gar abzuschalten. Den einzigen Schutz finden die Obdachlosen in öffentlichen Einrichtungen und Bahnhofsgebäuden, doch oft werden sie diesen verwiesen, da sie das Gesamtbild negativ beeinflussen. Es bleibt ihnen daher oft keine andere Wahl, als Schutz in alten Pappkartons zu finden. Ein Bild, das man in allen Ländern der Welt immer wieder findet.

Die Plastik, die ich von diesem Bild angefertigt habe, ermöglicht dem Betrachter, sich in die Lage des Obdachlosen hineinzuversetzen. Der Oberkörper liegt im Karton, während die Beine frei liegen. Der Karton mag vielleicht einen gefühlten Schutzraum bilden und ein wenig Dunkelheit spenden, allerdings schützt er weder vor Regen, noch ist er warm oder gar schallisoliert.


Werk-Reihe:

Die Gesichter von Hartz IV


Das Klischee-Wohnzimmer

„HARTZ IV und der Tag gehört DIR!“ - Ein Spruch, der fast jedem Deutschen schonmal irgendwo begegnet ist. Doch was ist wirklich dran an dieser Aussage?
Faul auf dem Sofa sitzen, den ganzen Tag NICHTS tun, Fernsehen gucken - und dabei ein paar Bierchen trinken... So sieht das innere Bild aus, das Viele von uns im Kopf haben, wenn wir an Hartz IV denken. Doch wie kommen wir zu der Annahme, dass alle “Hartzer“ dumm, faul und fett sind? Die Ursache könnte u.A. im Nachmittagsprogramm von RTL, RTL II, VOX und Co. liegen. Unser sogenanntes “Bildungs-fern-sehen“, das auch unter dem Namen “Assi-TV“ oder “Hartz IV- TV“ bekannt ist, verleitet uns nämlich förmlich dazu, diese Klischees zu bilden. Sendungen, in denen peinliche Aktionen von als dumm dargestellten Personen verübt werden, amüsieren uns nicht nur, sie steigern auch unterbewusst unseren Selbstwert, da wir uns als Zuschauer sichtlich von den Personen im Fernsehen distanzieren und abheben. Es ist zwar nicht zu leugnen, dass viele der Darsteller arbeitslos sind, oder wenig verdienen und sich lediglich für diese Sendungen bewerben, um die Haushaltskasse ein wenig aufzufüllen, aber uns sollte klar sein, dass das, was wir zu Gesicht bekommen, sicherlich nicht das wahre Leben der Familien zeigt.

Nach einem Gespräch mit der Redaktion von RTL wurde mir erst klar, dass es wie immer nur ums Geld geht. Dass die Kluft zwischen „Arm und Reich“ und „Gebildet und Ungebildet“ in Deutschland immer größer wird, ist für die Redaktion dieses privaten Senders nicht nur eine positive Begleiterscheinung, sondern eher Strategie zur hohen Einschaltquote. Sie nutzen durch geschickt-formulierte Klauseln in Verträgen die Gutgläubigkeit und/oder Bildungslücken der Menschen aus und “nötigen“ sie - um es auf gut Deutsch zu sagen - sich vor laufender Kamera "zum Affen zu machen“. Um es nochmal kurz zu fassen: Hartz IV wurde unter Anderem durch unser Fernsehprogramm mit einem Stempel versehen. Wir bilden also Klischees, die gleichzeitig in Erwartungen übergehen. Schauen wir Sendungen wie „Frauentausch“ oder „Mitten im Leben“, in der Familien zu sehen sind, die alle Klischees und Erwartungen wie beispielsweise einen Fliesentisch, Erdbeerkäse, Flat Screen-TV, jede Menge Bier, Feinrippunterhemd, Jogginghose, Gelsenkirchener Barockmöbel, Zigaretten, viele Katzen und Hunde, Fokuhila-Frisur ... usw. bedienen, so amüsieren wir uns darüber.

Dass natürlich nicht alle Familien, die Hartz IV beziehen, diese Klischees erfüllen, wissen wir zwar, doch trotzdem “dürfen“ wir so denken, da eine höhere Macht wie das Fernsehen, oder auch die Bildzeitung es uns erlaubt, bzw. vorgibt.

Im Rahmen dieses Projektes habe ich neben vielen Umfragen in sozialen Netzwerken, sowie Gesprächen mit dem Arbeitsamt auch einige Familien besucht und interviewt, die Hartz IV beziehen. Fast keine der Familien hat das Klischee vollkommen erfüllt. Man kriegt zwar als Arbeitsloser Geld vom Amt, muss sich aber darum bemühen, wieder in der Arbeitswelt Fuß zu fassen.

Bewerbungen schreiben, Vorstellungsgespräche, Teilnahme an Schulungen oder Fortbildungen, Ausführung von 1€-Jobs und regelmäßiges Einhalten von Terminen bei der Agentur für Arbeit sind einige Auflagen, denen die Hartz IV- Bezieher nachkommen müssn.

Meine erste Arbeit aus der Reihe „DIE GESICHTER VON HARTZ IV“ zeigt das Wohnzimmer einer absoluten “Klischee – Hartz IV – Familie“. Karikative Charaktere verkörpern durch Aussehen, Blick, Körperhaltung und Kleidung das, was wir von ihnen unbewusst erwarten. Durch die Vielfalt und Übersteigerung sämtlicher Details wie Katzen- und Hundehaare auf der Couch, ein überfüllter Mülleimer, leere Bierflaschen und den durchschimmernden Hauch an Willen, die Wohnung mit hübschen Plastikblümchen und Familienfotos nett zu gestalten, entsteht beim Betrachter eine Ambivalenz, die folglich in Amüsement übergeht.
Unterstützt wird diese Wirkung vor Allem aber durch die Größe der Arbeit. Der puppenstuben- artige Maßstab von ca. 1:4 verleiht der Wohnzimmerecke eine gewisse Niedlichkeit, die uns erlaubt, der Arbeit mit einem Lächeln zu begegnen. Es gibt in jedem Winkel etwas Neues zu entdecken. Auch werfen einige Elemente Fragen auf, auf die jeder Betrachter individuell eine Antwort finden kann.
Dass die Arbeit eine indirekte Kritik sowohl an unser derzeitiges Nachmittagsprogramm, als auch an den Betrachter beinhaltet, geht im ersten Augenblick nicht hervor. Auf dem Fernseher (was auf den Fotos nicht zu sehen ist) kann statt des Logos der TV-Sendung „Mitten im Leben“ ebenfalls eine Dauerschleife mit den bekanntesten und peinlichsten Szenen aus den Reality-Shows gezeigt werden. Auch wenn sich die Kritik einerseits an die Redakteure dieser Sendungen richtet, sind auch wir Zuschauer nicht ganz unbeteiligt, da wir uns über das Bildungsniveau der Darsteller im Fernsehen lustig machen und die Szenen bei Facebook oder anderen sozialen Netzwerken teilen. Durch die Darstellung eines absoluten Klischees anhand einer figurativen, niedlichen und übersteigerten Arbeit erreiche ich natürlich eine ganz andere Aufmerksamkeit als eine geschauspielerte Szene im Fernsehen. - Und genau das ist auch meine Intention. Ich möchte mit der Arbeit zwar einerseits den Belustigungsfaktor aufgreifen, ihn so gesehen fördern oder gar verstärken, aber auch gleichermaßen durch die gezielte Übersteigerung wieder kritisieren und zum Nachdenken anregen.


Werner der Flaschensammler

Nachdem ich mich in meiner ersten Arbeit meiner Projektreihe „Die Gesichter von Hartz IV“ mit dem „Klischee“ beschäftigt habe, zeigt die zweite Arbeit eine Andere- nämlich die Schattenseite von einem Leben mit Hartz IV:

Zu sehen ist Werner Müller. Werner sitzt gelangweilt in seinem spartanisch eingerichteten und verwahrlosten 1-Zimmer Apartment. Sein Blick ist leer, verschlafen, missmutig und trotzdem ist er irgendwie niedlich. Seine grünen Augen, die dicke Nase, der viel zu große Kopf und auch die Tatsache, dass er gerade mal ca. 50 cm misst, lassen ihn zu einer puppenartigen Karikatur werden, die uns dazu verhilft, den grausigen Zustand seiner Wohnung zu ertragen, oder der Kulisse sogar mit einem Lächeln zu begegnen. Doch was hier modellhaft dargestellt ist, ist in einigen Haushalten von Langzeitarbeitslosen traurige Wahrheit. Der monatliche Hartz IV- Zuschuss reicht gerade eben aus, um Lebensmittel zu kaufen, aber die immer schlimmer werdende Sucht nach Alkohol und Zigaretten kann unter Umständen von den Betroffenen nicht mehr finanziert werden. Die Folge, sie gehen wie ca. 300.000 andere Deutsche, die an der Armutsgrenze leben, Pfandflaschen sammeln. Sicherlich nicht der schönste Job, doch ein durchaus lukrativer und vor Allem legaler Nebenverdienst.

Die hier dargestellten Umstände von Werner beruhen auf wahren Gegebenheiten. Da ich während dieses Projektes mit dem Jobcenter zusammengearbeitet habe und mit vielen Hartz IV-Empfängern gesprochen habe, wurde mir von Tag zu Tag klarer, dass Hartz IV bei Weitem kein Sahne-schlecken ist, so wie es uns oft in den Medien dargestellt wird. Ich habe im Laufe der letzten Monate viele Leute zuhause besucht und konnte feststellen, dass einige Wohnungen eben so aussahen, wie die hier modellhaft dargestellte Wohnung von Werner.

Langzeitarbeitslosigkeit kann ein Teufelskreis sein. Man verliert seinen Job, entwickelt Minderwertigkeitskomplexe, Bewerbungen werden abgelehnt, man wird depressiv, verfällt evtl. in eine Sucht, ist nicht mehr in der Lage Termine einzuhalten, ...usw... Natürlich verläuft es nicht immer so, aber es ist ein Modell, das mir während meiner Recherchearbeiten oft in dieser Form begegnet ist. All diese Aspekte wollte ich in Werner's Gestalt und anhand seiner Wohnung verdeutlichen. Es ist neben dem „Klischee“ – ein anderes Gesicht von Hartz IV – nämlich das von Werner, dem Flaschensammler:


Die Zwangs-Räumung

Manchmal kommt es schneller als erwartet! - Man steht voll und ganz im Leben, hat einen lukrativen Job und plötzlich trifft einen unerwartet der Schlag. So passierte es auch einer Kundin des Job-Centers, mit der ich mich längere Zeit unterhielt. Frau S. hat BWL studiert und war in ihrem Beruf viele Jahre sehr erfolgreich. Durch einen für sie nicht absehbaren Stellenabbau verlor sie plötzlich ihren Job. Natürlich hatte sie Erspartes, doch das war nach kurzer Zeit aufgrund laufender Kosten, die sie begleichen musste, aufgebraucht. Voller Verzweiflung und geplagt von Depressionen verlor Frau S. ihren Lebensmut und war nicht mehr in der Lage alltägliche Aufgaben zu bewältigen. Wenige Monate, nachdem sie ihre Miete nicht mehr zahlen konnte, drohte ihr die Zwangsräumung. In unserem Gespräch erzählte sie mir, dass das Leben vom Tag der Kündigung, bis zum Auszug aus ihrer Wohnung, komplett an ihr vorbei „rauschte“.
Ihr Bericht inspirierte mich, eine dritte Wohnzimmer-Ecke anzufertigen, die ihr Schicksal und auch ihr Befinden verbildlicht.

Die Botschaft hinter dieser Installation: „ES KANN JEDEN TREFFEN“.


 


DIE GESICHTER VON HARTZ IV

 

Auch wenn man keines der drei Beispiele verallgemeinern kann, ist es mir ein sehr großes Anliegen zu verdeutlichen, dass die Realität anders aussieht, als das Vorurteil-behaftete, klassische Klischee, was in den Köpfen unserer Gesellschaft zum Teil fest verankert ist.

Ich möchte mit diesen Arbeiten zum Nachdenken anregen, aber auch das Schubladen-Denken unserer Gesellschaft kritisieren. Die meisten Hartz IV-Empfänger, die ich im Rahmen dieses Projektes zuhause besuchen durfte, haben eine saubere Wohnung, sind weder Alkohol-, oder DrogenAbhängig, noch sitzen sie den ganzen Tag vor dem Fernseher. Dass das Amt jeden Antrag sofort genehmigt, ist ebenfalls ein Klischee- behafteter Irr-Glaube. Der monatliche Regelsatz von 399 € reicht gerade eben aus, um das Notwendigste abzudecken und ich möchte betonen, dass Jeder Hartz IV-Empfänger, mit dem ich gesprochen habe, wieder in der Arbeitswelt fuß fassen wollte! Es gibt sicherlich in unserem System einige Mängel, die ich an dieser Stelle nicht be-, bzw. Verurteilen möchte, Allerdings wurde mir während meiner Hospitation im Job-Center klar, dass es sehr auf den jeweiligen Sachbearbeiter ankommt und nicht alle Regeln einen Sinn ergeben.